25. April 2007
Daniel Mescheder
Der Trick der Griechen, eigene Soldaten mit einem Holzpferd in Troja einzuschleusen war so gewitzt, dass Regisseur Wolfgang Petersen es noch etwa 3.000 Jahre nach diesem Ereignis für sinnvoll hielt, teure Schauspieler wie etwa Brad Pitt zu engagieren, um die Handlung in die Kinosäle dieser Welt zu bringen.
Die legendäre List funktionierte jedoch nur aus einem Grund: Niemand - mit Ausnahme des Priesters Laokoon vielleicht - wusste, dass es sich um eine solche handelte!
Deshalb frage ich mich, warum eigentlich alle so allergisch auf die offensichtliche Inkompetenz unseres Innenministers reagieren. Dieser scheint zumindest Homers Ilias nicht besonders aufmerksam studiert zu haben - sein allgemein so verteufelter Bundestrojaner verfehlt die Genialität des griechischen Vorbildes nämlich um Längen. Durch die geradezu arrogante Annahme, es wäre möglich jeden beliebigen PC mit voriger Ankündigung zu einem gläsernen Terrarium für die Sicherheitsbehörden zu machen, ist das Projekt schon im Vorfeld zum scheitern verurteilt.
Schauen wir uns doch einmal genauer an, welche Möglichkeiten die Herren besitzen ihr Vorhaben durchzusetzen:

- Versand infizierter Mails.
Jeder von uns bekommt täglich E-Mails mit fragwürdigem Inhalt. Wir haben zwischenzeitlich gelernt, dass es alles andere als ratsam ist, Anhänge zu öffnen, wenn wir nicht genau wissen dass sie harmlos sind.
- Infizieren eines Downloads durch den Provider.
Die nächste Anwendung die Heruntergeladen wird, kriegt vom Provider den Bundestrojaner eingemogelt. Technisch möglich, wie man im oben verlinkten Heise-Artikel sieht. Aber die Möglichkeiten sich zu wehren sind vielfältig: Die in der Unix-/Linuxwelt weit verbreiteten Paketmanager unterstützen größtenteils digitale Signaturen. Der Anwender bekommt dadurch mit, falls ein Paket modifiziert wurde und kann die Installation verweigern.
- Ausnutzen von Sicherheitslöchern.
Ein solches Vorgehen wird sicherlich individuell immer möglich sein, aber technisch versierte Anwender werden sich gut genug zu schützen wissen, dass es für Sicherheitsorgane utopisch bleiben dürfte dies an der breiten Masse anzuwenden. Außerdem:
Die zwei von Schäuble angeheuerten Entwickler werden solche Lücken kaum aufspüren. Und auf dem freien Schwarzmarkt sind diese sogenannten Zerodays recht teuer. Da legt man schnell mal 10.000 Euro für einen Exploit auf den Tisch, der nach dem ersten Einsatz unter Umständen schon verbrannt ist, weil er entdeckt wurde. Ganz abgesehen davon, dass der Einkauf in dieser Szene moralisch ziemlich fragwürdig wäre. (Quelle)
- Hintertürchen in kommerzieller Software.
Die Regierung könnte auf die Idee kommen mit großen Softwarehäusern - etwa Microsoft - zu kooperieren um Hintertürchen für sich frei zu lassen. Abgesehen davon, dass wohl nur wenige Softwarehäuser dies mit sich machen ließen (man bedenke den möglichen Imageschaden!) ist es heute ohne Probleme möglich komplett mit Systemen zu arbeiten, deren Quellcode offen liegt. Hier blieben Seiteneinstiege für Schnüffler mit Sicherheit nicht lange unentdeckt.
Hinzu kommt eine ganz wichtige Tatsache, welche Schäubles Schnüffler von der breiten Masse an Möchtegern-Hackern unterscheidet:
Die Bekannten Trojaner sind deshalb erfolgreich, da sie massenhaft produziert und wahllos losgelassen werden. Der Bundestrojaner hingegen steht alleine vor einer Vielzahl unzufriedener Experten. Schäuble versucht sein Holzpferd in einer Stadt voller Laokoons unterzubringen! Die genaue Funktionsweise des Schädlings würde wohl nicht lange ein Geheimnis bleiben.
Genau an dieser Stelle fängt es an amüsant zu werden: Der Trojaner stellt keine Bedrohung dar, sondern viel mehr ein Spielzeug:
Der Bundes-Honeypot
Ist das Protokol über welches der Trojaner arbeitet durch Reverse Engineering ersteinmal hinreichend bekannt (das dürfte kein größeres Problem darstellen, wenn man bedenkt, dass alle wichtigen Informationen ja frei Haus geliefert würden!) wäre es möglich einen PC aufzustellen der vorgibt, infiziert zu sein. Diese Art von Falle nennt man Honeypot - man könnte in aller Ruhe beobachten wie die Sicherheitsbehörden vorgehen und ob auch tatsächlich immer alle gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden…
… nichts für kleine Kinder
“Messer, Gabel, Scheere, Licht, … ” - bei all dem Spaß den mir die Diskussion bereitet, muss ich doch auch eine klare Grenze ziehen:
Manche Verfassungsrechtler sagen, die Online-Durchsuchung sei ein Eingriff in den grundrechtlich geschützten Bereich der Wohnung. Ich war mir ganz einig mit den Kollegen in der Koalition, dass wir dafür das Grundgesetz, Artikel 13, ergänzen müssen. (Schäuble im Interview mit der FAZ)
Lieber Herr Innenminister - damit spielt man nun wirklich nicht!
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14. April 2007
Daniel Mescheder
Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und die Namensverwandte Brauereigruppe haben eine Gemeinsamkeit: Was sie produzieren hat kaum mehr Wert als ein paar Cent.
Schon öfters hat Günther Oettinger durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht:
Mit Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und das nachfolgende Wirtschaftswunder meinte der Ministerpräsident: Die Deutschen seien heute in der “unglaublich schönen Lage”, nur von Freunden umgeben zu sein. Und dann: “Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr.” (Von: stern.de)
Diese Aussage fiel nicht im Rahmen eines hochoffiziellen Anlasses und man kann sich sicher sein, dass der etwas naive Politiker hier keinen dritten Weltkrieg forderte, sondern einfach mal lustig sein wollte.
Nun prasseln erneut die Schlagzeilen auf den CDUler: “Es würde nicht schaden, wenn er geht” titelt FR-Online. Der Grund ist seine Ansprache anlässlich des Staatsakts zum Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, in welcher es u.A. heißt:
Anders als in einigen Nachrufen zu lesen, gilt es festzuhalten: Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes. Allerdings konnte er sich den Zwängen des Regimes ebenso wenig entziehen wie Millionen Andere. Wenn wir als Nachgeborene über Soldaten von damals urteilen, dann dürfen wir nie vergessen: Die Menschen lebten damals unter einer brutalen und schlimmen Diktatur!
Die Affäre Filbinger war und ist - wie fast alle Verfahren über Nazi-Verbrechen - eine schwammige Angelegenheit. In welchem Maße man den promovierten Rechtswissenschaftler für die verhängten Todesurteile verantwortlich machen kann, ist heute wohl nicht mehr entscheidbar.
So lässt sich kaum eine Aussage über die sachliche Korrektheit des Oettinger-Nachrufes machen. Wohl aber lässt der Text auf mangelndes politisches Feingefühl schließen. Es ist wohl allgemein bekannt, dass die Deutschen - besonders die deutschen Medien - sehr empfindlich auf alles reagieren, was im thematischen Kontext des Nationalsozialismus steht. Oettinger ist sicherlich kein Nazi und es ging ihm wohl in erster Linie darum, etwas nettes über einen gerade verstorbenen Menschen zu sagen. Er sagt selbst, er habe in keiner Weise die Verbrechen der Nationalsozialisten relativieren wollen. Aber als ein Mensch, der im Zentrum des öffentlichen Interesses steht, hätte er ahnen sollen, dass er einen Viralpunkt der deutschen Mentalität treffen würde.
Es folgt direkt der wesentliche Unterschied zwischen Ministerpräsident und Gebräu: An das Billigbier stellt kein Mensch besondere Qualitätsansprüche - von einem Staatsdiener hingegen erwartet man, dass er weiß, wovon er redet.
Aber alles in allem haben wir wichtigere Probleme als verbale Ausrutscher plappernder Politiker. Messt dem ungeschickten Nachruf nicht mehr Wert bei als die paar Cent, für die er gebraut worden ist und beurteilt den Landesvater Baden-Württembergs lieber anhand seiner politischen Entscheidungen!
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8. April 2007
Daniel Mescheder
Inzwischen hat es wohl jeder mitbekommen: Raubkopierer sind Verbrecher und werden (theoretisch) mit bis zu 5 Jahren Freiheitsentzug bestraft.
Dies war schon vor längerer Zeit Grund genug für einige findige Menschen, ein paar Gesetzeslücken auszuloten:
Schon damals, in den Zeiten des guten alten Kassettenrecorders, war es rechtlich unproblematisch, sich seine Lieblingsstücke aus dem Radio auf eine Kassette aufzunehmen. Auch im digitalen Zeitalter besteht diese Möglichkeit: Im Internet findet man eine Vielzahl von Radiosendern, die Tag und Nacht Musik streamen. Diese Musik zu speichern ist laut Gesetz völlig legal.
Im Vergleich mit dem guten alten Radio, bieten diese Internet-Streams aber einige Vorteile:
- Es gibt eine riesige Auswahl an Streams. Es wird wohl kaum einen Musikgeschmack geben, zu dem kein passender Internetradio-Sender existiert.
- Es werden nicht nur die Audiosignale gesendet, sondern oft auch Meta-Informationen, wie etwa Interpret, Name und Album des Tracks.
- Das krampfhafte justieren einer Antenne, um einen rauschfreien Empfang zu gewährleisten entfällt: Je nach Bandbreite kann sich jeder Nutzer für Sender bestimmter Qualität entscheiden. Wer über einen DSL-Anschluss verfügt darf sich über qualitativ äußerst hochwertige Musik freuen.
- Die empfangenen Audiosignale sind digital und können somit auch direkt digital verarbeitet werden. So gibt es die Software “Streamripper”, die es möglich macht automatisch die einzelnen gestreamten Tracks voneinander zu trennen und als MP3s auf der Festplatte abzuspeichern. Hier ist fast kein Unterschied mehr zu den “illegalen” Stücken aus diversen Peer-to-Peer Netzwerken erkennbar.
Wenn ihr ein Linux-System auf eurer Maschine am laufen habt, braucht ihr nur folgende Schritte zu befolgen um alle diese Vorteile auszukosten:
- Streamtuner & Streamripper installieren
Zum Beispiel per APT:
apt-get install streamtuner streamripper
Alternativ geht das natürlich auch mit einer anderen Paketverwaltung oder manuell vom Sourcecode.
- Player einrichten
Streamtuner sucht eine große Anzahl an Radiostationen zusammen - da ist bestimmt für jeden Geschmack etwas dabei. Als Standard wird ein Stream, wenn man auf “abspielen” klickt, mit XMMS geöffnet.
Wer gerne seinen eigenen Lieblingsplayer verwenden will, kann das per Bearbeiten->Einstellungen->Anwendungen unter dem Eintrag “Einen Stream anhören” ändern.
%q ist ein Platzhalter für die URL der ausgewählten Radiostation.
Der Aufruf für XMMS sieht also so aus:
xmms %q
So weit so einfach…
- Ripper einrichten
Die Einstellungen für den Streamripper sind noch suboptimal, also nehmen wir uns erneut die Optionen unter Bearbeiten->Einstellungen->Anwendungen vor und ändern den Eintrag “Einen Stream aufnehmen” nach folgendem Muster:
x-terminal-emulator -e "streamripper %q -d /home/user/streamed -D %A/streamed/%A-%T -o always -r"
Sieht schlimmer aus als es ist: Beim Klick auf aufnehmen wird ein Terminalfenster von X geöffnet, in welchem das Konsole-Programm “Streamripper” ausgeführt wird. Dieses wird mit einem Satz an Parametern gestartet:
%q -d /home/user/streamed -D %A/streamed/%A-%T -o always -r
Den ersten Parameter kennen wir ja schon: %q ist die URL des Ausgewählten Streams. Mit -d wird der Ordner festgelegt in welchem die gerippten Dateien gespeichert werden sollen - ändert bitte “/home/user/streamed” in einen Ordner eurer Wahl um.
Hinter der Option -D lässt sich eine Struktur angeben, in der die gerippten Dateien gespeichert werden sollen. Dabei gibt es folgende Einstellungsmöglichkeiten:
%S Stream
%A Künstler
%T Titel
%a Album
%D Datum und Zeit
%q Sequenz Nummer (automatisch)
%Nq Sequence (Angefangen von Nr. N)
Bei mir würde das Lied “Bad Religion - Sinister Rouge” vom Album “The Empire strikes first” nun also so gespeichert werden:
/home/user/streamed/Bad Religion/streamed/Bad Religion-Sinister Rouge.mp3
Kommen wir zum Parameter -o welcher angibt, ob bereits existente Dateien überschrieben werden sollen. Da ich das gleiche Lied nicht zwei mal haben möchte, habe ich hier “always” angegeben.
Eine kleine Besonderheit stellt noch das -r Parameter dar: Wenn ich den Stream den ich rippe gleichzeitig noch hören will, könnte ich ihn natürlich zwei mal laden: einmal vom Streamripper und einmal von XMMS (oder einem anderen Player). Da aber nicht jeder Bandbreite wie Heu hat, stellt Streamripper einem die Option zur Verfügung einen lokalen Server aus dem Stream zu erstellen.
Klingt schwierig, ist aber einfach: Es genügt, den -r Parameter zu setzen und in XMMS dann genüsslich folgendem Stream zu lauschen:
http://localhost:8000
Nett oder?
- “Ausschneiden” der Stücke nachkorrigieren
Streamripper hat einen recht intelligenten Algorithmus um die Anfänge und Enden der Stücke zu finden. In einigen Fällen macht es aber Sinn etwas nachzukorrigieren. Je nach Art des Fehlers können folgende Parameter an den Streamripper-Aufruf gehängt werden:
Wenn jedes Lied X Sekunden vom vorhergehenden am Anfang hat:
--xs_offset=X
Wenn jedes Lied X Sekunden vom Nachfolgenden am Ende hat:
--xs_offset=-X
(Man beachte das Minus)
Wenn die Lieder unsauber ausgeschnitten werden und ich gerne einen “Randbereich” hätte (X Sekunden vor dem Lied und Y Sekunden nach dem Lied) um nachher selbst am Lied herum zu schnippeln:
--xs_padding=X:Y
Noch mehr Informationen über die Benutzung des Streamrippers gibt es hier.
Wer des Englischen mächtig ist, findet auf djlosch.com eine ähnliche Anleitung.Ich wünsche euch viel Spaß mit eurer neuen Musiksammlung.
PS: Das Ganze unter Windows einzurichten ist ähnlich einfach. Wenn Interesse besteht sagt Bescheid - dann schreibe ich dazu bei Gelegenheit auch noch einen kurzen Text.
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1. April 2007
Daniel Mescheder
Wie dank der allgemeinen Berichterstattung sicherlich schon hinlänglich bekannt, hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgern Rüttgers ein neues Medium für die Kommunikation mit seiner Wählerschaft erschlossen: Per E-Mail nahm er kürzlich Fragen entgegen, welche er dann in einem Video-Podcast beantwortete.
Hierbei setzte er sich unter Anderem mit dem Thema “Jugendgewalt” auseinander:
Lieber Herr Rüttgers, ihre Bemühungen über neue Medien eine neue Zielgruppe zu erschließen kann ich nur gutheißen - aber Inhaltlich liegt das was sie dort von sich geben irgendwo zwischen “Schwachsinn”, “am Thema vorbei” und “realitätsfremd”.
Was bitte ist für Sie “Jugendgewalt”?
ZELL am SEE (SN-chr). Drei Tage verbrachte Überfallopfer Christian Rieser aus Maishofen im Zeller Krankenhaus. Er hat erhebliche Verletzungen im Gesicht, vor allem sein Auge ist betroffen. Der Bäcker wurde Mittwochnacht am Zeller Bahnhof überfallen, alle drei Täter waren 16-jährige Jugendliche. (Quelle)
Solche Schlagzeilen sind nur die Spitze des Eisberges dem wir alltäglich gegenüberstehen.
Offiziell spricht man dann von Jugendgewalt, wenn bei Vandalismus, Diskriminierung, Erpressung, Amokläufen, … Jugendliche als Täter auftreten. Unsere tägliche Erfahrung lehrt uns, diese vielen Ausprägungen zu ordnen und zu gewichten. So erscheinen uns etwa insbesondere die Statistiken sehr erschreckend, aus denen hervor geht, dass gerade die Delikte Drohung, Nötigung und Körperverletzung in ihrem Auftreten eine steigende Tendenz haben.
Der in Form von “Graffitis” ausgelebte Vandalismus auf welchen Sie besonders abheben ist für Betroffene sicherlich ein Ärgernis, aber keineswegs ein Schlagwort, welches man allgemein als ein wichtiges innenpolitisches Problem deklarieren würde - besonders nicht (wie Sie sagten) als ein Problem der inneren Sicherheit!
Klingt auch logisch: Erstens sind es sowieso die optisch eher weniger ansprechenden Gegenden, in denen Jugendliche ihr Revier markieren; Zweitens lässt sich eine besprühte Wand wieder mit einigem Aufwand reinigen, ein Menschenleben aber nicht so einfach wieder herstellen; Drittens gibt es eine ganze Reihe von Bürgern, die Graffitis etwas anders warnehmen als sie es anscheinend tun:
Graffitis sind Kunst!
Jeder der etwas anderes behauptet möge doch bitte zunächst die Werke des Künstlers “Banksy” auf sich wirken lassen. Eine Bilderauswahl gibt es auf seiner Homepage, einen Artikel bei Telepolis und ein Video gibt es hier:
Wikipedia liefert eine meiner Meinung nach gute Ausführung in dieser Frage:
Nicht nur die Werke bekannter Graffiti-Künstler wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat, sondern jedes einzelne Graffiti stellt zunächst ein Kunstwerk dar, das in der Tradition der abstrakten Malerei, der Kalligraphie und der Comic, speziell Manga-Ästhetik steht - der rechtliche Aspekt spielt hierbei keine Rolle.
Allerdings ist nicht jedes Graffiti als ein gelungenes Kunstwerk zu betrachten. Graffiti ist ein Genre wie andere auch, und so gibt es auch hier wenige Meister ihres Fachs und viele Lernende, Unbegabte oder Nachahmer. (Quelle)
Natürlich kann niemand bestreiten, dass das Besprayen öffentlicher Einrichtungen gegen geltendes Recht verstößt, jedoch ändert sich der Blickwinkel erheblich, wenn man - im Gegensatz zu ihnen - einmal versucht sich in die Jugendliche um die es hier geht hinein zu versetzen und ihre Hintergründe zu verstehen.
Gewaltbereitschaft Jugendlicher fährt schließlich nicht einfach wie der Zorn des Himmels auf die Menschheit herab, sondern ist die Folge gesellschaftlicher Entwicklungen. Gewaltbereitschaft resultiert meist aus
- dem familialen Kontext
- der schulische Sozialisation
- dem Einfluß von “Peer-Groups“
- den psychische Dispositionen
- den situative Einflüssen
- den gesellschaftliche, politische Rahmenbedingungen
- Desintegration/Integration
(Quelle)
Es geht also in der Regel um die Verarbeitung schwieriger gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bzw. die Anpassung an die eigene (feindliche?) Umwelt.
Herr Rüttgers, würden Sie mir nicht zustimmen, dass gerade diejenigen die es schaffen, ihre schwierige Situation durch künstlerischen Aktionismus, welcher geprägt ist von Kreativität und einer Art sportlichen Herausforderung, zu verarbeiten und gleichzeitig auf diese Weise politische Zeichen setzen um auf sich Hinzuweisen, diejenigen sind, die besonders positiv erwähnt werden müssten?
“… härter durchgreifen!”
Am meisten amüsiert habe ich mich über ihre “Lösungsstrategie”.
Nennen wir es “Feuer mit Feuer bekämpfen”, oder einfach “Eskalation” - immer dann wenn es darum geht “hart durchzugreifen” und “dafür zu sorgen, dass die Spielregeln eingehalten werden”, kann man mit guter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich da ein Politiker auf dem Holzweg befindet.
Statt die Rattenplage zu bekämpfen, versucht man die Löcher zu stopfen die diese fressen; statt zu versuchen mal die oben erwähnten Wurzeln des Problems aus der Welt zu schaffen, verläuft man sich in weitgehend sinnlosen Debatten über “härteres durchgreifen”.
Aber ich freue mich, dass Sie auf dem CDU-Landesparteitag einen Gesetzentwurf diskutieren, in dem unter anderem diskutiert wird, dass man auch mal mehr diskutieren sollte.
Um nicht als ewig kritisierender Nörgler stehen zu bleiben hier mal etwas Konstruktives: Die schwierigen famillialen Bedingungen mit denen viele Jugendliche zurrecht kommen müssen, rühren oft daher, dass Eltern mit der Erziehungsarbeit überfordert sind. Ihre Parteigenossin Ursula von der Leyen hat hier einige sinnvolle Vorschläge gemacht, wie man für eine Entlastung sorgen könnte. Aber solche intelligente Politik steht ja in Deutschland eher in der Schussline - schade eigentlich.
Bis zum nächsten Podcast verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Daniel Mescheder
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Gesellschaft & Politik,
Netzleben | 2 Kommentare »