


Ja, euch meine ich da draußen. Ihr die ihr euch in den Ecken zusammenrottet und redet - ohne dass eure Stimmen die magische Schwelle überschreiten dürften die Hörbarkeit im Umkreis von 2m bedeuten würde. Nur einzelne Begriffe die der gezielten Akzentuierung eurer Position dienen, mögen ab und an diese Schwelle überschreiten. Dazu erhöht ihr sowohl Frequenz als auch Amplitude eurer Stimmbänder - das Wort breitet sich wellenhaft im Rachenraum aus, bekommt durch die Zunge seinen besonders hinterhältigen Charakter und verlässt den Mund durch die vom höhnischen Lachen weit auseinander klaffenden Lippen. Gespannt beobachtet ihr dann, wie die euch umgebenden scheinbar Vertrauten ob der gewaltigen Provokation die mit dem Bruch der 2m-Schwelle verbunden ist zusammenzucken.
Dies ist der richtige Moment um noch einen drauf zu setzen: Fast automatisch hebt sich euer Arm, der Ellenbogen streckt sich bis der kritische Winkel von etwa 160 Grad erreicht ist. Teleskopartig streckt ihr den Zeigefinger, während die ansonsten locker geballte Faust die Gleichgültigkeit demonstriert, in der ihr mit verbaler Gewalt um euch schlagt.
Herzlichen Glückwunsch denn ihr seid das Rückgrat des kognitiven Abfall produzierenden Monsters, welchem ihr jeden Tag auf der Straße begegnet!
Die gewitzteren unter euch dürften vielleicht langsam dahinter gekommen sein, welche Art asozialen Verhaltens ich euch vorwerfe: Das Tuscheln hinter der vorgehaltenen Hand, das Lästern, das Tratschen und Gerüchte Verbreiten.
Jenes perverse Verlangen welches ihr (die Boulevardpresse sagt “Danke” und “Amen”) im geselligen Kreise gleichgesinnter auslebt.
Ich werde - extra für euch - meinen Punkt zum besseren Verständnis einmal konkretisieren: Das allgemein oft durch den Begriff “Lästern” oder “Tratschen” umrissene asoziale verbale Verhalten lässt sich definieren als das monoperspektivistische Abwerten ausgewählter Zielpersonen ohne einen besonderen Gesellschaftlichen oder sozialen Nutzen (wohl aber eine Profilierung der eigenen Person) anzustreben und ohne dieser Person die Möglichkeit zu bieten sich zur Wehr zu setzen.
Folgende Symptome sind oftmals Begleiterscheinungen oder gar Ursachen dieses Verhaltens:
Wir wissen dass die zwischenmenschliche Kommunikation eine hohe Kunst ist. Es ist nicht immer einfach sich mit einem Gesprächspartner auf eine gemeinsame Ebene zu begeben. Das Resultat ist oftmals, dass man um die Kommunikation aufrecht zu erhalten sich auf das niedrigste denkbare Niveau begibt und auf sinnvolle Inhalte einfach verzichtet.
Argumentation ist beim “Lästern” und “Tratschen” überflüssig: Es gibt schließlich niemanden der eine gegenteilige Meinung vertreten würde! Des weiteren würde eine ausgefeilte Argumentation dem Leitsatz des möglichst niedrigen kognitiven Anspruchs nicht gerecht werden.
Ist doch ausnahmsweise eine Begründung der eigenen Position notwendig, so beschränkt man sich in der Regel auf eine starke emotionale Akzentuierung des Gesagten. Dies ist kaum zu widerlegen und fördert die eigene Profilierung.
Durch das negative Hervorheben fremder Charaktereigenschaften versucht eine “Tratschtasche” den eigenen Charakter in einem möglichst guten Licht darzustellen. Das ist auf der einen Seite so etwas wie emotionale Masturbation und dient auf der anderen Seite ebenfalls der angesprochenen Profilierung.
Diese sozialen Effekte lassen sich in einer solchen geselligen Runde oft zuhauf beobachten. So trauen sich oftmals beteiligte Personen nicht, eine konträre Meinung zu vertreten, da sie (fälschlicherweise) glauben mit ihrer Position isoliert zu sein.
Um euch zu helfen das perverse Verlangen welches euch immer wieder beschleicht zu bekämpfen will ich demonstrieren, wie sich der aus der Definition auslesbare Kriterienkatalog zum Prüfen der eigenen Verhaltensweise dienen kann. Hier also ein paar Beispiele aus dem Alltag:
Auf einem Grillabend geht das Bier aus. Betretenes Schweigen tritt ein. Um die Stimmung zu lockern ergreifst du das Wort und schilderst wie du den Klaus-Martin* in der Stadt getroffen hast mit soner Tuse im Arm die is ja hässlich wie die Nacht und dass der ja wirklich jede Woche ne Andere und überhaupt…!
Froh über die Ablenkung steigen deine Freunde mit ein und bestätigen das ginge ja nicht und sie hätten ja immer schon gewusst, dass wie der sich auch immer anzieht und neulich und hässlich ist er auch noch!
| Monoperspektivismus |
Ja! |
| Abwertung einer ausgewählten Person |
Ja! |
| Ohne gesellschaftlichen oder sozialen Nutzen |
Ja! |
| Angegriffene Person hat keine Möglichkeit zur Stellungnahme |
Ja! |

* Name geändert
Eines Tages nimmst du mich bei Seite und sagst “Daniel…” suchst noch einmal kurz nach Worten und beginnst dann noch einmal: “Daniel du bist mir ja mal sowas von unsympatisch! Immer dieses Gehabe und immer nur am Scheiße labern - das geht mir sowas von auf die Eier! Außerdem wäre ich dir sehr verbunden, wenn du vielleicht einmal was ordentliches anziehen würdest und vielleicht mal morgens mit ‘nem Kamm durch die Haare gehen würdest! Meine Fresse…”
| Monoperspektivismus |
Ja! |
| Abwertung einer ausgewählten Person |
Ja! |
| Ohne gesellschaftlichen oder sozialen Nutzen |
Nein! |
| Angegriffene Person hat keine Möglichkeit zur Stellungnahme |
Nein! |

Du bist shoppen mit einer Freundin. Diese Tätigkeit verlangt von euch, euer Nervenzentrum temporär auf Standby zu schalten - dem Niveau eurer Gespräche ist somit eine natürliche Obergrenze gesetzt.
Nach einem Blick auf den Zeitungsstand beginnt ihr eine kontroverse Diskussion, wie Angelina Jolies Hang zur Adoption zu bewerten sei.
| Monoperspektivismus |
Nein! |
| Abwertung einer ausgewählten Person |
Ja! |
| Ohne gesellschaftlichen oder sozialen Nutzen |
Nein! |
| Angegriffene Person hat keine Möglichkeit zur Stellungnahme |
Ja! |

Mir ist klar, dass man nicht immer über Politik und Umweltschutz sprechen kann. Mir ist klar, dass Bemerkungen über das Wetter nach einiger Zeit ausgelutscht sind. Mir ist klar, dass jeder hin und wieder gerne das Gehirn aus knipst und seinem Mundwerk freie Hand gewährt. Aber auch hier gilt: “Niveau ist keine Handcreme” (Quelle unbekannt).
Es ist möglich, zu reden ohne etwas zu sagen und dabei niemanden durch den Kakao zu ziehen, der nicht die Möglichkeit hätte sich direkt zu wehren. Eine gehörige Portion Selbstironie kann dabei übrigens nicht schaden.
… will ich euch noch auf den Weg geben: Das nächste Mal, wenn in geselliger Runde über Andere hergezogen wird, demonstriert doch mal dass ihr die Eier habt die ungeschriebenen Gesetze zu brechen und gegen den gesellschaftlichen Konsens anzugehen: “Mädels, der Junge ist vielleicht wirklich nicht der hübscheste, aber wenn es mal drauf ankommt, ist Klaus-Martin verlässlicher als ihr hier alle zusammen!”
Der Beitrag wurde am Samstag, den 12. Mai 2007 um 15:25 Uhr veröffentlicht und wurde unter Gesellschaft & Politik, Alltag abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.Hach Daniel, so mögen wir dich.
Aber ich beweise jetzt mal Eier. Und zwar nicht so, wie du vorschlägst.
Das ist ein absoluter Saubermann-Artikel, jeder denkt erstmal “Recht hat er!”, die älteren unter deinen Lesern vielleicht auch noch “Auf den Schafott mit solchen Leuten.”. Dazu ist er hervorragend geschrieben wie sich das so gehört.
Aber hey, ich muss ehrlich sagen ich kann mich dem Gedanken nicht erwehren, dass ich an von dir beschriebenen Grillabenden beteiligt war und mich dann nicht ganz “richtig” verhalten habe. Und ich hab mich auch wirklich nicht so schlecht gefühlt dabei. Ich befürchte, ich bin ein schlechter Mensch.
Was ich bezwecke, ist zur Mäßigung aufzurufen. Es ist sicher nicht richtig, eine Person immer und möglichst tief durch den Dreck zu ziehen, auch nicht möglichst viele Personen versteht sich. Aber bitte.. Hin und wieder ist das eigentlich auch mal ein großer Spaß und auch nicht so schlimm, letzten Endes bekunde ich lediglich meine Abneigung gegen eine Person, gewürzt mit ein wenig (zugegeben recht stumpfem) Humor.
Der Jakob
PS.: Ich bezweckte außerdem, einmal das Wort “Schafott” in mehr oder minder sinnvollem Zusammenhang niederzuschreiben. Wie ist mir das gelungen? ![]()