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BILD-Reporter sind die schlimmeren Terroristen

Dass die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht inzwischen an einer Bremer Grundschule Migrantenkindern Deutschunterricht erteilt ist schon länger bekannt. Die BILD-Zeitung hat wieder etwas mehr Zeit gebraucht. Verständlich: Ein guter Skandal will sorgfältig geplant werden.

Nun haben sie es wohl endlich geschafft: „Verurteilte RAF-Mörderin arbeitet als Grundschullehrerin in Bremen“ titelt sie in großen Lettern. Wie es sich für die deutsche Presselandschaft gehört breitet sich der durch die Boulevard-Macht gestreute Samen in Windeseile aus:

Ex-RAF-Terroristin unterrichtet Migrantenkinder“, “Ex-Terroristin gibt Deutschunterricht” und ähnlich lauten die Schlagzeilen. Gleichzeitig melden sich massenhaft BILD-loyale und/oder skandalgeile Kritiker zu Wort die der Bremer Regierung gar “ein Herz für Terroristen” vorwerfen.

Es wird wohl niemanden wundern, dass die dortige CDU schleunigst die tickende Bombe weiter gibt: wo Deutschlands Boulevardpresse hin tritt, wächst kein Gras mehr - und als rückgratsloser Politiker lässt man sich lieber nicht mit in den Brennpunkt der Kritik ziehen.

CDU-Bürgerschaftsfraktion, Hartmut Perschau, reagierte am Montag “mit Erstaunen und Unverständnis” auf die Nachricht, dass Albrecht seit Jahren in Bremen Migrantenkindern Deutschunterricht gibt.
[…]
Perschau nannte es “völlig untragbar, dass unsere Kinder von einer verurteilten RAF-Terroristin unterrichtet werden”. Die Äußerung von Bildungssenator Lemke, es handele sich hierbei “um ein Beispiel gelungener Resozialisierung”, sei schwer nachvollziehbar. Perschau sagte, “unser Rechtsstaat sieht eine Resozialisierung vor, diese darf aber nicht auf dem Rücken unserer Kinder erfolgen”. (Quelle)

Vielen Dank für dieses Statement, Herr Perschau.

Susanne Albrecht

Da wir uns im Gegensatz zur Bremer CDU unsere Meinung nicht BILDen lassen, schauen wir uns als erstes einmal an, um wen es eigentlich geht:

Die 1951 in Hamburg geborene Susanne Albrecht war Tochter eines angesehenen Anwalts. Sie besuchte ein Internat in Holzminden, wo sie 1971 ihr Abitur absolvierte. Im selben Jahr begann sie ein Studium der Pädagogik, Soziologie und Psychologie an der Universität Hamburg. Sie beteiligte sich an diversen Hausbesetzungen und kam in Kontakt mit einigen anderen späteren RAF-Mitgliedern - unter anderem auch Christian Klar. Nachdem sie ihr Staatsexamen für das Grund- und Realschullehramt erfolgreich abgelegt hatte, schloss sie sich der RAF an.

Am 30. Juli 1977 war Albrecht zusammen mit Klar und Monhaupt an der Ermordung Jürgen Pontos beteiligt. Rund zwei Wochen später gibt sie dazu das folgende Statement ab:

Wir haben in einer Situation, in der Bundesanwaltschaft und Staatsschutz zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt haben, nichts für lange Erklärungen übrig.
Zu Ponto und den Schüssen, die ihn jetzt in Oberursel trafen, sagen wir, daß uns nicht klar genug war, daß diese Typen, die in der Dritten Welt Kriege auslösen und Völker ausrotten, vor der Gewalt, wenn sie ihnen im eigenen Haus gegenübertritt, fassungslos stehen.
Das Staatsschutzgeschmier von »Big Money« ist Dreck wie alles, was zu der Aktion gesagt worden ist.
Es geht natürlich immer zuerst darum, das Neue gegen das Alte zu stellen, und das heißt hier: Den Kampf, für den es keine Gefängnisse gibt, gegen das Universum der Kohle, in dem alles Gefängnis ist. (Quelle, Kontext)

Sie beteiligte sich am 25. Juni 1979 an einem Sprengstoffanschlag auf General Alexander Haig und tauchte 1980 unter - erst im Juni 1990 konnte sie in Berlin verhaftet werden.

Nach einem umfassenden Geständnis wurde sie zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt (diese saß sie jedoch nur zur Hälfte ab). Wikipedia schreibt:

Albrecht distanzierte sich während ihres Prozesses von ihrer RAF-Vergangenheit und setzte die Ideologie der Terrorgruppe mit dem Stalinismus gleich. In einer Erklärung während des Prozesses warf sie der RAF „kaltblütige Brutalität“ vor. (Quelle)

Rainer Gausepohl, Sprecher des Bildungssenators Willi Lemke (SPD) sagte laut FOCUS Online, die Resozialisierung Albrechts sei schon wärend ihrer Haft in die Wege geleitet worden. Er spricht von einer „voll gelungenen Resozialisierung“, denn die ehemalige RAF-Aktivistin leiste „sehr gute Arbeit” und habe “sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen“.

BILD-Terror

Die BILD-Zeitung scheint es nun auf die Lehrerin abgesehen zu haben. Es ist schon zuvor immer wieder deutlich geworden, dass die zuständigen Redakteure unter dem Kommando von Kai Diekmann auch eher weniger von unseren rechtsstaatlichen Prinzipien halten.

Aufgrund ihrer Vergangenheit ist Öffentlichkeit das Letzte was Albrecht gebrauchen kann - aber genau diese könnte ihr nun bevor stehen. Auf der Jagt nach Quoten haben Paparazzi in der Vergangenheit schließlich noch jedes persönliche Schicksal in Kauf genommen. So schreibt auch FOCUS Online:

Dem Stadtstaat steht nun also in den kommenden Tagen ein gesteigertes Medieninteresse ins Haus. Der Großteil der Kamerateams, Reporter, Fotografen und Ü-Wagen dürfte dabei weniger an den Wahlen zur Bremischen Bürgerschaft am 13. Mai als an der Jagd auf die frühere RAF-Terroristin interessiert sein.(Quelle)

“… auf dem Rücken unserer Kinder … “

Zurück zu dem Eingangs zitierten Statement von Herrn Perschau. Ich will mir nicht anmaßen über die pädagogischen Fähigkeiten einer mir unbekannten Person zu urteilen. Aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: Bei dem hohen Inkompetenz-Quotienten unter deutschen Lehrkräften ist mir eine Ex-Terroristin mit ansprechendem Unterricht doch lieber als vieles was ich als Schüler regelmäßig erleben durfte.

Gott sei dank gibt es auch differenziertere Stimmen aus der Politik. So zitierte die Netzzeitung Volker Beck (Grüne):

Ein Straftäter, der seine Tat bereut und seine Haftstrafe verbüßt hat, müsse wieder die Möglichkeit der Ausübung eines bürgerlichen Berufes haben, betonte [Volker Beck]. “Wenn Frau Albrecht kein Fehlverhalten in der Schule vorzuwerfen ist und sie sich zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekennt, sehe ich nicht, warum man ihre Tätigkeit als Lehrerin kritisieren sollte.” (Quelle)

Nur am Rande: ist es eigentlich verantwortbar, dass BILD-Redakteure ihr zerstörerisches Werk in aller Öffentlichkeit betreiben dürfen? Unser Rechtsstaat sieht Pressefreiheit vor, diese darf aber nicht auf dem Rücken unserer Bürger erfolgen…

Der Beitrag wurde am Dienstag, den 1. Mai 2007 um 15:15 Uhr veröffentlicht und wurde unter Gesellschaft & Politik, Schule abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten. Einen Kommentar schreiben

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