


Wie dank der allgemeinen Berichterstattung sicherlich schon hinlänglich bekannt, hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgern Rüttgers ein neues Medium für die Kommunikation mit seiner Wählerschaft erschlossen: Per E-Mail nahm er kürzlich Fragen entgegen, welche er dann in einem Video-Podcast beantwortete.
Hierbei setzte er sich unter Anderem mit dem Thema “Jugendgewalt” auseinander:
Lieber Herr Rüttgers, ihre Bemühungen über neue Medien eine neue Zielgruppe zu erschließen kann ich nur gutheißen - aber Inhaltlich liegt das was sie dort von sich geben irgendwo zwischen “Schwachsinn”, “am Thema vorbei” und “realitätsfremd”.
ZELL am SEE (SN-chr). Drei Tage verbrachte Überfallopfer Christian Rieser aus Maishofen im Zeller Krankenhaus. Er hat erhebliche Verletzungen im Gesicht, vor allem sein Auge ist betroffen. Der Bäcker wurde Mittwochnacht am Zeller Bahnhof überfallen, alle drei Täter waren 16-jährige Jugendliche. (Quelle)
Solche Schlagzeilen sind nur die Spitze des Eisberges dem wir alltäglich gegenüberstehen.
Offiziell spricht man dann von Jugendgewalt, wenn bei Vandalismus, Diskriminierung, Erpressung, Amokläufen, … Jugendliche als Täter auftreten. Unsere tägliche Erfahrung lehrt uns, diese vielen Ausprägungen zu ordnen und zu gewichten. So erscheinen uns etwa insbesondere die Statistiken sehr erschreckend, aus denen hervor geht, dass gerade die Delikte Drohung, Nötigung und Körperverletzung in ihrem Auftreten eine steigende Tendenz haben.
Der in Form von “Graffitis” ausgelebte Vandalismus auf welchen Sie besonders abheben ist für Betroffene sicherlich ein Ärgernis, aber keineswegs ein Schlagwort, welches man allgemein als ein wichtiges innenpolitisches Problem deklarieren würde - besonders nicht (wie Sie sagten) als ein Problem der inneren Sicherheit!
Klingt auch logisch: Erstens sind es sowieso die optisch eher weniger ansprechenden Gegenden, in denen Jugendliche ihr Revier markieren; Zweitens lässt sich eine besprühte Wand wieder mit einigem Aufwand reinigen, ein Menschenleben aber nicht so einfach wieder herstellen; Drittens gibt es eine ganze Reihe von Bürgern, die Graffitis etwas anders warnehmen als sie es anscheinend tun:
Jeder der etwas anderes behauptet möge doch bitte zunächst die Werke des Künstlers “Banksy” auf sich wirken lassen. Eine Bilderauswahl gibt es auf seiner Homepage, einen Artikel bei Telepolis und ein Video gibt es hier:
Wikipedia liefert eine meiner Meinung nach gute Ausführung in dieser Frage:
Nicht nur die Werke bekannter Graffiti-Künstler wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat, sondern jedes einzelne Graffiti stellt zunächst ein Kunstwerk dar, das in der Tradition der abstrakten Malerei, der Kalligraphie und der Comic, speziell Manga-Ästhetik steht - der rechtliche Aspekt spielt hierbei keine Rolle.
Allerdings ist nicht jedes Graffiti als ein gelungenes Kunstwerk zu betrachten. Graffiti ist ein Genre wie andere auch, und so gibt es auch hier wenige Meister ihres Fachs und viele Lernende, Unbegabte oder Nachahmer. (Quelle)
Natürlich kann niemand bestreiten, dass das Besprayen öffentlicher Einrichtungen gegen geltendes Recht verstößt, jedoch ändert sich der Blickwinkel erheblich, wenn man - im Gegensatz zu ihnen - einmal versucht sich in die Jugendliche um die es hier geht hinein zu versetzen und ihre Hintergründe zu verstehen.
Gewaltbereitschaft Jugendlicher fährt schließlich nicht einfach wie der Zorn des Himmels auf die Menschheit herab, sondern ist die Folge gesellschaftlicher Entwicklungen. Gewaltbereitschaft resultiert meist aus
(Quelle)
Es geht also in der Regel um die Verarbeitung schwieriger gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bzw. die Anpassung an die eigene (feindliche?) Umwelt.
Herr Rüttgers, würden Sie mir nicht zustimmen, dass gerade diejenigen die es schaffen, ihre schwierige Situation durch künstlerischen Aktionismus, welcher geprägt ist von Kreativität und einer Art sportlichen Herausforderung, zu verarbeiten und gleichzeitig auf diese Weise politische Zeichen setzen um auf sich Hinzuweisen, diejenigen sind, die besonders positiv erwähnt werden müssten?
Am meisten amüsiert habe ich mich über ihre “Lösungsstrategie”.
Nennen wir es “Feuer mit Feuer bekämpfen”, oder einfach “Eskalation” - immer dann wenn es darum geht “hart durchzugreifen” und “dafür zu sorgen, dass die Spielregeln eingehalten werden”, kann man mit guter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich da ein Politiker auf dem Holzweg befindet.
Statt die Rattenplage zu bekämpfen, versucht man die Löcher zu stopfen die diese fressen; statt zu versuchen mal die oben erwähnten Wurzeln des Problems aus der Welt zu schaffen, verläuft man sich in weitgehend sinnlosen Debatten über “härteres durchgreifen”.
Aber ich freue mich, dass Sie auf dem CDU-Landesparteitag einen Gesetzentwurf diskutieren, in dem unter anderem diskutiert wird, dass man auch mal mehr diskutieren sollte.
Um nicht als ewig kritisierender Nörgler stehen zu bleiben hier mal etwas Konstruktives: Die schwierigen famillialen Bedingungen mit denen viele Jugendliche zurrecht kommen müssen, rühren oft daher, dass Eltern mit der Erziehungsarbeit überfordert sind. Ihre Parteigenossin Ursula von der Leyen hat hier einige sinnvolle Vorschläge gemacht, wie man für eine Entlastung sorgen könnte. Aber solche intelligente Politik steht ja in Deutschland eher in der Schussline - schade eigentlich.
Bis zum nächsten Podcast verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Daniel Mescheder
Der Beitrag wurde am Sonntag, den 1. April 2007 um 20:14 Uhr veröffentlicht und wurde unter Gesellschaft & Politik, Netzleben abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.Hallo Daniel,
ein schönes Blog hast Du hier, den Beitrag “Freiheit für Anfänger” fand ich sehr gut.
Bei obigem Beitrag allerdings möchte ich bezweifelen, ob die Vorschläge der Frau von der Leyen wirklich so sinnvoll sind.
Man lese einmal die Meldungen auf dieser Seite:
http://www.presseportal.ch/de/story.htx?firmaid=100011840
Wenn die Zahl stimmt, dass ein Krippenplatz für Kinder unter drei Jahren EUR 20.000 pro Jahr kostet, so frage ich mich, warum man dieses Geld nicht direkt den Eltern bzw. der Mutter geben kann.
Das ist doch genung, damit sie nicht arbeiten gehen muss und selbst auf das Kind aufpassen kann. Ich glaube, dies käme nicht nur der Mutter, sondern auch dem Kind zugute (http://www.familie-ist-zukunft.de/NICHDneu.htm). Natürlich nur, wenn die Erziehung keine Überforderung darstellt, wie Du es richtig erwähnst.
Gruß
Die Familienpolitik von Frau von der Leyen war zwar nicht zentrales Thema in meinem Artikel, aber ich will dennoch ganz kurz darauf eingehen:
Die Frage die man sich in diesem Zusammenhang stellen sollte ist meiner Meinung nach nicht, ob sich das Krippenmodell mit einer familialen Betreuung finanziell die Waage hält, sondern ob Krippen für das heranwachsen der Kinder - die Zukunft unseres Landes - sinnvoll sind.
Ich will hier einfach mal auf folgenden Artikel verweisen: http://www.familienhandbuch.de/…/s_1815.html
Gruß Daniel