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Freiheit für Anfänger

“Die Fahrscheine bitte!”

Die Nachricht trifft auf meine Ohrmuschel, wird durch den Gehörgang zum Trommelfell transportiert, dort in ein Signal umgewandelt und zum Gehirn geschickt. Dort findet die neuronale Mustererkennung statt, sodass innerhalb kürzester Zeit die Aufforderung “Aufwachen Daniel! Du wirst kontrolliert!” in mein Bewusstsein vordringt.

Zug Fahren ist immer produktiv…

Jäh aus dem Schlaf gerissen, setzt bei mir das rationale Denken erst mit einiger Verzögerung ein - so beginne ich erst nachdem der Schaffner längst vorbei ist und ich ca. 5 Minuten fastziniert das An- und Ausgehen der “besetzt”-Lampe vor der Toilette beobachtet habe, über diese Botschaft nachzudenken.

“Du wirst kontrolliert” - das klingt sehr negativ. Denn wo Kontrolle herrscht, da wird Freiheit eingeschränkt. Und kontrolliert werden wir fast überall: Der Vorgesetzte, der den Fortschritt der Arbeit prüft, der Student der mit einer Klausur seinen Lernfortschritt unter Beweis stellen muss, …

Aber kaum jemand wird sich ernsthaft darüber beschweren, in Bus und Bahn nach seinem Ticket gefragt zu werden - warum sollte er sich sonst überhaupt einen Fahrschein lösen? Wir sind also keinesfalls durch und durch “frei”, können dies aber ohne weiteres akzeptieren. Mehr noch: Wir können induktiv folgern, dass eine gewisse Einschränkung der Freiheit zum Erhalt der Gesellschaft notwendig ist.

Andererseits begegnen uns genau hier tagtäglich viele Beispiele, wo wir uns die Frage stellen müssen, wie weit wir bei dieser Freiheitsbeschränkung gehen dürfen. So sitzt auf dem Platz mir gegenüber ein Mann mittleren Alters mit einer BILD-Zeitung in der Hand - journalistisch mäßig aber mit starker propagandistischer Wirkung schafft dieses Blatt oftmals bundesweit Vorurteile und zerstört ganze Existenzen. Aber dürfen wir deswegen die Pressefreiheit einschränken? Eine Zensur würde bedeuten, dass Politiker das Machtinstrument Medien nach ihren Wünschen manipulieren können (siehe China). Ein Dilemma.

Kompetenz, meine Herrn

Sehen wir uns doch einmal genauer an, warum genau eigentlich die liberale Gesellschaft nicht funktionieren kann, warum die Deutsche Bahn weiterhin die Herren mit der Cappie in ihren Zügen beschäftigen werden muss.
Wir stellten bereits fest, dass eine Aufhebung der Fahrscheinkontrollen zu einem hohen Schwarzfahreraufkommen führen würde. Dies will ich hier verallgemeinern: Das totalliberale System scheitert an unserer Unfähigkeit mit Freiheit umzugehen. Denn wären wir hier kompetent genug, so würden wir erkennen, dass die Bahn ihre Dienste nur so lange zur Verfügung stellen kann wie wir ihr einen Gegenwert bieten können.

Kurve: Kompetenz und Kontrolle

Das Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiheit wird also von unserer Kompetenz mit dieser Freiheit umzugehen bestimmt!
Ähnliches stellten Medienkritiker wie etwa Neil Postman fest und prägten den Begriff Medienkompetenz.

… und das heißt?

Das heißt für uns, dass es immer wenn es darum geht an kritischen Stellen Freiheiten zu beschränken, noch mindestens einen anderen Weg gibt: nämlich die Kompetenz der Bevölkerung in dieser Frage zu schulen.

Freiheit und Kompetenz in der Wirtschaft

Bevor wir freihe Wahlen einschränken, sollten wir die politische Bildung fördern.
Bevor wir einen Konflikt durch Handschellen beenden, sollten wir die Streithähne zur Einsicht und gegenseitiger Akzeptanz führen.
Bevor wir Symbole verbieten, sollten wir die Menschen über ihre Bedeutung aufklären.
Bevor wir Musik verbannen, sollten wir unsere Jugend in die Lage versetzen, über die transportierten Inhalte zu reflektieren.

Ich gebe zu: Das ist Utopie und es bleibt die Frage nach dem “wie”. Aber es handelt sich grundsätzlich um die bessere Lösung die es sich lohnt anzustreben.

Mit diesem Gedanken im Kopf blinzele ich noch einmal zu dem niedlichen Mädchen rechts von mir herüber, die gerade Seite 122 von Tolkiens “Herr der Ringe” umblättert und nicke dann wieder ein.

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 8. März 2007 um 20:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter Gesellschaft & Politik, Alltag abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
3 Reaktionen zu “Freiheit für Anfänger”
  1. Jelleton Am 9. März 2007 um 17:06 Uhr

    Was ist Kompetenz?

    Wen würde man in der Gesellschaft denn im Allgemeinen als kompetent bezeichnen. Hierfür ist es sicherlich notwendig, das Gebiet zu definieren. Der Manager eines großen Konzerns hält nicht umsonst die “Handlungskompetenzen” in seiner Hand, er muss kompetent sein. Und zwar im marktwirtschaftlichen Sinne, wahrscheinlich auch zum Teil auf dem Fachgebiet, das den Konzern betrifft.
    Was aber sagt man einem solchen Mann ins Gesicht, wenn er hunderte Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt. “Herzlichen Glückwunsch, das war marktwirtschaftlich hoch kompetent.” ist hier sicherlich die falsche Reaktion.
    Das bringt mich dazu, deinen Kompetenzbegriff genauer zu definieren. Soziale Kompetenz trifft wohl den Kern von dem, was du ausdrücken wolltest.

    Ich befürchte, in Zeiten, in denen es nicht als sozial verwerflich sondern als intelligent und gerissen gilt, sich auf Kosten anderer zu bereichern, Steuern zu umgehen und Gesetze zu den eigenen Gunsten auszulegen, sind wir von Überflüssigkeit der Kontrolle und verantwortlichem Handeln rund 3 1/2 Lichtjahre entfernt.

    Und so komme ich zu dem Schluss, dass du leider auch bei deiner nächsten Zugfahrt aus dem Schlaf gerissen wirst, dass auch auf dieser Fahrt viel zu viele Idioten die Bildzeitung lesen werden und dass auch weiterhin wirtschaftliche Gedanken soziale überlagern werden.

  2. JoeBanana Am 10. März 2007 um 17:04 Uhr

    “Ich befürchte, in Zeiten, in denen es nicht als sozial verwerflich sondern als intelligent und gerissen gilt, sich auf Kosten anderer zu bereichern, Steuern zu umgehen und Gesetze zu den eigenen Gunsten auszulegen, sind wir von Überflüssigkeit der Kontrolle und verantwortlichem Handeln rund 3 1/2 Lichtjahre entfernt.”
    —-> @ Jelleton: Zustimmung. Jedoch halte ich deine Ausführungen den Kompetenzbegriff zu definieren als zwar richtig, aber auf Daniels Artikel bezogen micht unbedingt passend, weil es die Kernaussage meiner Meinung nach nicht unbedingt trifft.

    @ Daniel: gelungener Artikel, jedoch finde ich, korrigier mich bitte wenn ich deinen Schluss falsch verstanden habe, deine Forderung nach besser Kompetenzbildung “von oben” nur teilweise richtig, oder zumindest in den allergrößten Teilen für richtig.
    Du hast recht, es bleibt Utopie, denn selbst wenn die politische Bildung oder die Aufklärung ihre Grundzüge perfectamente in die Tat umsetzen und “alle richtig machen” wie man so schön sagt, so bleibt es doch wohl sehr fragwürdig, ob die Menschen wirklich die Aufklärung annehmen und sich nicht vorher davor verschließen.
    Daher geht es nicht vordergründig um das “wie”, sondern vielleicht sogar eher um das “warum”.

    Faithfully,
    Joe Banana

  3. Daniel Mescheder Am 10. März 2007 um 17:36 Uhr

    Also der Einwand, dass ich “Kompetenz” nicht hinreichend definiert habe ist durchaus angebracht.
    Allgemein müsste man von “Freiheitskompetenz” sprechen, also die Fähigkeit mit einer gegebenen Freiheit umzugehen. Dies kann je nach Kontext spezifiziert werden:

    • Medienkompetenz
    • Soziale Kompetenz
    • Politische Bildung

    Für den wirtschaftlichen Bereich ist die genannte “soziale Kompetenz” zB durchaus wichtig. Dafür, dass jede Privatperson das was in der BILD steht richtig einordnen kann und im Internet die Spreu vom Weizen trennen kann ohne dass eine Zensur nötig ist, ist aber eher die Medienkompetenz erforderlich.

    Es ging mir in dem Artikel in erster Linie darum ein Ziel aufzuzeigen, auf das hingearbeitet werden sollte. Dass der Weg dorthin mehr als nur steinig ist, steht völlig außer Frage!
    Auch ich nehme in meiner Umwelt bei vielen Menschen eine Blockade wahr wenn es darum geht die gefragten Kompetenzen auszubilden.
    Schade eigentlich - schließlich ist es ja auch ihre Welt!

    Vielen Dank für die Kommentare und kritischen Anmerkungen!

    Liebe Grüße
    Daniel

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