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Diskussionspraxis - eine biologische Abhandlung

Eichhörnchen Ede staunt Bauklötze: an einem gigantischen Apfelbaum reifte in den vergangenen Monaten der sicherlich rundeste und röteste Apfel der Welt, welcher nun in seiner vollen Pracht zu bewundern ist.
Schnell ist Edes Plan gefasst: Dieses Prunkstück gehört mit den ganzen Tannenzapfen in die große Sammlung - als Krönung sozusagen.

Ede ist ein Routinier in seiner Branche - so weiß er genau, wie der Apfel zu erreichen ist:

Eichörnchen Ede vorm Baum

Dies lässt sich auch ganz mathematisch als Graph (nennen wir ihn G) beschreiben:

Der Baum als Graph

Der Graph ist zusammenhängend, kreisfrei und daher per Definition ein Baum - keine große Neuigkeit für uns.
Die Menge der Kanten die Ede von v_1 nach v_8 nimmt, nennt man einen Pfad in G.

Nun ist offensichtlich, dass Ede um zu v_8 zu gelangen, alle vorhergehenden Astgabelungen, also v_4, v_2 und natürlich auch v_1 passiert haben muss.

Nachdem dieser simple Sachverhalt klar geworden ist, kann auch das eigentliche Thema genannt werden: Es soll hier nicht um eine Verhaltensstudie eines Eichhörnchens bei der Vorratsbeschaffung sondern mehr um eine Verhaltensstudie des Menschen bei der Diskussion philosophischer Themen gehen. Die Parallele soll im Folgenden erläutert werden.

Jeder wird das schonmal erlebt haben: Eine schwere Frage wird diskutiert und es entsteht zwar ein hitziger Wortwechsel, aber eine Antwort lässt sich nicht finden.
Meine These: Bei einem Großteil der Fragen liegt dies schlicht daran, dass die aufgestellte Problematik noch keinerlei Basis besitzt.

So lässt sich jede Frage in einen Baum eingliedern, in dem diese einen Knoten darstellt, dessen Elternknoten die Frage darstellt die geklärt werden muss bevor der Kindknoten angegangen werden kann.
Dies will ich am Beispiel der Theodizeefrage (”Warum lässt Gott uns leiden?”) erläutern. Hier müsst man nämlich, bevor man die “Motive” Gottes analysiert ersteinmal klären, ob ein Gott existiert.
Würde man hier auf “ja” kommen, bleibt die Frage, ob Gott überhaupt einen aktiven Einfluss auf die Welt ausübt. Können wir dies ebenfalls bejahen müssen wir uns Fragen, ob dieser Einfluss vom menschlichen Gehirn fassbar ist…

Gezeichnet sähe das so aus:

Die Theodizeefrage als Graph

An dieser Stelle sollte der Vergleich mit dem Eichhörnchen klar werden: wir müssen einen bestimmten Pfad durch den Baum nehmen und dabei eine bestimmte Menge von Knoten passieren, bevor wir an unserem Ziel ankommen.

Genau genommen müssen wir das Modell verallgemeinern: oft gibt es mehrere “Voraussetzungen” für eine Frage und mehrere “Folgen”. Hier geben wir zwar die übersichtliche Baumstruktur auf, aber das Prinzip bleibt: bevor wir eine Frage klären können, müssen alle Elternknoten bearbeitet worden sein.

Ausprägungen des Problems

Mit der Theodizeefrage haben wir eine Ausprägung des Problems kennen gelernt: Wir können die Frage “Existiert Gott?” nicht lösen, müssen also eine postulierte Antwort als gegeben hinnehmen. Für alle die hier von der Antwort “ja” ausgehen, bleibt die Theodizeefrage ein schwieriges und Diskussionswürdiges Problem - für alle anderen wird es irrelevant

Eine andere Ausprägung ist die Existenz der gleichen Frage auf zwei verschiedenen Ästen.
So kann die Frage “Wäre es theoretisch möglich, Computer in die Lage zu versetzen zu abstrahieren?” einmal vom Standpunkt “das Menschliche Gehirn funktioniert ausschließlich nach festgelegten Regeln” und einmal vom Standpunkt “es gibt Teile des Menschlichen Gehirns die außerhalb der klassischen Berechenbarkeit liegen” angegangen werden. Beide Seiten haben eine völlig andere Argumentationsstruktur und werden somit nicht mit den Begründungen des Gegenübers arbeiten können - die Diskussion wird sich verstricken.

Die selbe Frage auf verschiedenen Pfaden

Es gibt sicherlich noch mehr Ausprägungen - über entsprechende Kommentare würde ich mich freuen!

Lösungswege

Der erste und wichtigste Schritt zur Lösung dieses Problems ist, sich auf eine Meta-Ebene zu begeben und die zu behandelnde Problematik in einen Graphen wie die oben gezeigten einzuordnen. Dann kann man damit beginnen zu diskutieren, ob man überhaupt gerade die richtige Frage gestellt hat.

Man sollte sich dabei erstmal Dinge überlegen wie: “Brauchen wir diese Frage um weiter zu kommen?” bzw. “Ist diese Frage als solches relevant?”. Dies ließe sich zB daran erkennen, dass weitere wichtige Fragen auf das behandelte Problem im Baum folgen.

Dann muss man in einer Diskussion klären, ob die Postulate die nötig sind um diese Frage zu behandeln tatsächlich sinnvoll sind. So ist es zB unter bestimmten Umständen sinnvoll im Physikunterricht Einsteins Postulate vorauszusetzen um weitere Fragen zu klären - aber ist es auch sinnvoll die Existenz Gottes im Religionsunterricht als gegeben zu verlangen?

Es gibt eine riesige Zahl offener Fragen - durch die obigen Überlegungen schafft man es, etwas die Spreu vom Weizen zu trennen.

Eine weitere Möglichkeit besteht für den Fall, dass eine Frage sich über verschiedene Wege besteht. Hier kann man versuchen, die verschiedenen Szenarien zu postulieren - sollte man jedes Mal unter verschiedenen Argumentationen auf die gleiche Lösung kommen, kann man die Frage als geklärt ansehen und weiter mit der gefundenen Antwort arbeiten (Siehe Abbildung).

Lösung zum Problem der selben Frage auf verschiedenen Pfaden.

Besonders wichtig ist aber, dass an jedem Zeitpunkt der Diskussion klar ist, welche Annahmen und Postulate zur Zeit gültig sind und dass diese auch sinnvoll sind!

Ich bitte um Beachtung, dass die hier angeführten Probleme und Fragen nur Beispiele darstellen sollen und nicht in jedem Fall meine Meinung widerspiegeln. Vielen Dank für die tolle Inspiration geht an Dionys Neubacher!

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 7. Januar 2007 um 14:44 Uhr veröffentlicht und wurde unter Gesellschaft & Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
4 Reaktionen zu “Diskussionspraxis - eine biologische Abhandlung”
  1. Dennis Am 7. Januar 2007 um 22:15 Uhr

    Und da sind wir wieder beim Determinismus, Kompatibilismus und Inkompatibilismus :)

  2. Dionys Am 12. Januar 2007 um 00:48 Uhr

    nicht schlecht, ich bin beeindruckt, danke für den link!

    muss mir mal deine seite genauer durchlesen!!!!!

    liebe grüße aus wien,
    dionys

  3. Cojacts.Blog » Blog Archiv » Die Wissenschaft vom blauen dreieckigen Quader Am 15. Februar 2007 um 13:52 Uhr

    […] Den Kern aller zyanogonologischen Bemühungen soll die Evaluation und kontroverse Diskussion folgender Problematiken darstellen: […]

  4. Cojacts.Blog » Blog Archiv » Die Frage nach der Frage ist immernoch dekadent Am 6. Oktober 2007 um 16:12 Uhr

    […] wenn man versucht schwer griffige Sachverhalte auf eine akademischen Ebene zu heben ohne dass eine Basis für Diskutierbarkeit geschaffen wurde oder schaffbar […]

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