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Fließende Wasser sind planar - und praktisch!

“Oh nein! Daniel will schon wieder eine Flowchart machen!” - An dieser Stelle dürften sich schon die ersten meiner Stufenkumpanen angesprochen fühlen.
Im Allgemeinen belächelt man mich gerne etwas für die Vielzahl an Kreisen, Kästchen und Pfeilen die meine Arbeitsunterlagen (soweit vorhanden) dekorieren.

“Du kannst doch nicht aus allem ‘ne Flowchart machen?!” und “Mindmaps sind scheiße, da versteht immer nur derjenige was von, der sie erstellt hat!” sind die Todschlagargumente, die ich zu hören bekomme, wenn ich mich zu erklären versuche.

Flowcharts, Mindmaps,… was zum?!

„Wenn du mit mir reden willst, dann definiere deine Termini.“ (Voltaire,1694-1778)

Voltaire war zwar ein Vollidiot, hatte aber kluge Anwandlungen¹ - bevor ich auf die besonderen Vorteile von Flowcharts komme, gilt es ersteinmal zu erklären, was ich unter einer Flowchart verstehe und welche Sonderformen es gibt.

Flowcharts allgemein

Flowchart: ein BeispielDer ursprüngliche Zweck von Flowcharts war es, Programmabläufe in der Informatik grafisch darzustellen indem man sie als eine Art Graph skizzierte. Dieser Graph konnte als Kanten Linien und Pfeile (gerichtete Kanten), die eine Beschriftung oder eine Bewertung besaßen, beinhalten, sowie geometrische Formen jeder Art und Farbe an den Knoten, die jeweils eine möglichst knappe Betitelung trugen.

Ich persönlich übertrage nicht nur dieses Konzept auf die Darstellung verschiedenartigster Sachverhalte, meine persönliche Definition von Flowcharts geht auch noch etwas weiter: so würde ich die Einordnung von solchen Graphen in bestimmte Koordinatensysteme zulassen. Des weiteren können Verbindungen unterschiedlichster Art sein, Knoten können durch Bilder statt durch Titel oder durch eine Kombination aus beidem geziert sein und vieles mehr - hier spielt die Fantasie des Erstellers nicht gerade eine untergeordnete Rolle.

Flowchart: in einem Koordinatensystem

Wirkungsgefüge

Hin und wieder höre ich den Begriff “Wirkungsgefüge” als Übersetzung von “Flowchart”. Nach meiner Definition wäre es aber korrekter, Wirkungsgefüge als Untermenge von Flowchart einzuordnen.

Flowchart: WirkungsgefügeDas Ziel eines Wirkungsgefüges ist es, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung bezüglich eines bestimmten Sachverhaltes deutlich zu machen. Das wird durch die ausschließliche Verwendung gerichteter Graphen erreicht. Eine Ursache kann mehrere Wirkungen haben, eine Wirkung aber auch mehrere Ursachen.

Mindmap

Die Mindmap ist wohl die verbreitetste Form der Flowchart. Hier werden Begriffe lose um zentrale Überschriften gruppiert. Diese Begriffe müssen miteinander nicht zwangsläufig etwas zu tun haben - aber sie müssen alle der gleichen Überschrift unterzuordnen sein. Besonders geeignet ist diese Art der Herangehensweise zum Festhalten spontaner Assoziationen, weshalb Mindmaps auch gerne zum Brainstorming eingesetzt werden.

Flowchart: Mindmap

Bäume

Aus der Graphentheorie kennt man Sie, in der Informatik liebt man Sie: Bäume (Randinfo für Insider: Bäume sind natürlich bipartit und geodätisch und es gilt “ein Baum ist auch ein Wald”. qed :) ). Den Flowcharts lassen sie sich theoretisch als Untergattung des Wirkungsgefüges unterordnen - so enthalten auch sie ausschließlich Pfeile als Verbindungslinien. Eines der wichtigsten Merkmale teilen sie jedoch mit den Mindmaps: Jeder Knoten kann beliebig viele Folgeknoten haben, aber nur einen Vorgänger. Ein (zugegebener Maßen sehr aufwändiges) Beispiel wäre ein Baum, der unter das Stichwort “Erde” alle Kontinente gliedert, welchen wiederrum die Untermenge “Länder” folgt, die eventuell wiederrum “Städte” beinhalten usw.

Flowchart: Baum

Die wichtigste Abgrenzung zur Mindmap ist, dass sich hier alle Begriffe die sich auf einer Ebene befinden miteinander vergleichen lassen, also in einem direkten Zusammenhang stehen sollten.

Kreisläufe

Flowchart: KreislaufUnter einem Kreislauf wollen wir ein Wirkungsgefüge verstehen, in dem jeder Knoten gleichzeitig Anfang und Ende mindestens eines Pfades ist, den man durch den Graphen durch Folgen der Pfeile begehen kann.

Dies sind nur einige der möglichen Varianten - letztlich muss jeder selbst herausfinden, welche Darstellungsform gerade am sinnvollsten für ihn ist.

Warum Flowcharts?

Nachdem klar ist, was meine Definition von Flowchart ist, kann nun aufgezeigt werden, warum ich den Einsatz von einer solchen für absolut sinnvoll und empfehlenswert halte. Die Liste der Argumente ist lang - hier eine Auswahl:

Bewussteres Verarbeiten eines Textes

Wem ist das noch nicht passiert: Man liest einen komplizierten Text und stellt nach einer halben Seite oder gar mehr fest, dass man den letzten Abschnitt garnicht mehr bewusst wahr genommen hat. Eine Möglichkeit dem entgegen zu wirken, wäre, den Text parallel mit eigenen Worten wiederzugeben. Eine bessere ist, parallel die Inhalte in einer Flowchart zusammenzufassen.

Abstraktion und Strukturierung

Letztlich machen wir beim Lesen eines Sachtextes ja nichts anderes: wir abstrahieren die Inhalte aus einem Text und bringen sie in eine Struktur. So lesen wir etwa bei Wikipedia

Unter elektromagnetischer Induktion versteht man das Entstehen einer elektrischen Spannung durch die Änderung eines Magnetflusses. (Quelle)

Intuitiv machen wir uns klar, dass das Entstehen der Spannung eine Folge der Änderung des Magnetflusses ist. Wir abstrahieren also (unter Anderem) diesen konkreten Sachverhalt auf das übergeordnete Konzept “Kausalität”.

Mit einer Flowchart schaffen wir es, das bewusst werden zu lassen, was unser Gehirn sonst unterbewusst leistet. Auf diese Weise wird zB viel schneller klar, wo genau noch Verständnisschwierigkeiten bestehen (die Konkretisierung von Verständnisproblemen ist - nach meiner Erfahrung - etwas, was vielen Menschen Schwierigkeiten bereitet).

Vergleichbarkeit und Kombinierbarkeit

Dadurch, dass mit einer Flowchart zu jedem Sachverhalt ein Überkonzept in Form eines Musters erstellt wird, lassen sich verschiedenartigste Sachverhalte miteinander vergleichen. Wo genau unterscheidet sich der Neoliberalismus vom klassischen Liberalismus? Eine Flowchart macht es deutlich. Was ist der Zusammenhang zwischen dem Räuber-Beute Gleichgewicht und der freien Marktwirtschaft? Über eine Flowchart wird beides auf ein ähnliches Grundkonzept abstrahiert, wodurch diese Frage in keiner Weise mehr abwegig erscheint.

Mit Mustern gegen die Vergesslichkeit…

Wir wissen heute, dass das menschliche Gehirn aus einem neuronalen Netz besteht, welches hauptsächlich über die Erkennung von Mustern in die Lage versetzt wird so effizient zu arbeiten. Schauen wir uns beispielsweise einen guten Schachspieler an: dieser wird nicht alle möglichen Züge und ihre Auswirkungen berechnen, sondern erkennt das Muster welches sich auf dem Spielfeld ergibt und kann dadurch die Zahl der in Frage kommenden Züge auf ein Minimum einschränken.
Diese Eigenschaft des Gehirns können wir uns mit Flowcharts zu Nutzen machen: Mit einem bestimmten Thema oder Sachverhalt wird so immer ein Muster assoziiert was dazu führt, dass dieses/dieser effizienter gespeichert wird. Noch besser: Erkennen wir daraufhin ein ähnliches Muster, wird vom Gehirn automatisch die Assoziation mit dem zuvor betrachteten Sachverhalt ausgelöst. Nichts anderes passiert im Gehirn des Schachspielers auch.

Wann machen Flowcharts Sinn?

Wie zuvor gezeigt ist es für jeden sinnvoll sich zum besseren Verständnis zu schwierigen Sachtexten Flowcharts anzulegen. Aber auch bei Präsentationen machen Flowcharts Sinn. Hier illustrieren sie den Vortrag - besonders gut ist das, wenn die Grafik Schritt für Schritt aufgebaut werden kann.
Gut sind Flowcharts auch bei Gruppenarbeitsmethoden. Ein Beispiel ist der Einsatz von Mindmaps für das Brainstorming.

Was tatsächlich keinen Sinn macht, ist mit Flowcharts einen kompletten Text ersetzen zu wollen. Ein Sachtext kann eine unheimliche Dichte von Detailinformationen enthalten - dies ist nicht Sinn und Zweck einer schematischen Darstellung, die viel mehr auf die strukturierte Zusammenfassung der Kerngedanken abzielt!

Ich hoffe ich konnte ein paar Leute für den Einsatz von Flowcharts motivieren ;)

1) Danke Horst für die entsprechende Richtigstellung :)

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 18. Januar 2007 um 00:01 Uhr veröffentlicht und wurde unter Alltag, Schule abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
2 Reaktionen zu “Fließende Wasser sind planar - und praktisch!”
  1. Juwe Am 22. Januar 2007 um 11:32 Uhr

    Moinsen Daniel!
    Noch jemand, der immer überall was hinkritzelt! Da fühlt man sich gleich etwas weniger allein. Allerdings sind es weniger meine Klassenkameraden, die bei mir doof gucken, sondern eher meine Lehrer (so z.B. mein Biolehrer bei der letzten Arbeit). Allerdings beschränke ich mich nicht mal mehr auf den zweidimensionalen Raum des Blattes Papier, sondern baue meistens auch noch tolle Gebilde aus Stiften, Mäppchen… Bis alles auseinander und vom Tisch fällt und alle um mich rum vor Schreck zusammenzucken.
    Bis denne
    Juwe

  2. Mindmaps 2.0 - das-bloggt.de Am 13. Juni 2007 um 07:40 Uhr

    […] cojacts […]

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